Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V. | Sebastian Kleinschmidt – Schmerz als Erlebnis und Erfahrung. Deutungen bei Ernst Jünger und Viktor von Weizsäcker
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Sebastian Kleinschmidt – Schmerz als Erlebnis und Erfahrung. Deutungen bei Ernst Jünger und Viktor von Weizsäcker

Was Schmerz ist, was Schmerzen sind, wussten Menschen schon immer, ausgenommen das Ursprungspaar im Garten Eden. Denn dort, an dieser denkwürdigen Stätte des Glücks und der Seligkeit, gab es keinen Leidzustand, kein Übel, nicht Mühsal und nicht Furcht. „Im Fleische höchste Gesundheit, im Geiste volle Ruhe“, wie das unübertreffliche Wort von Augustinus lautet.

Das Paradies ist für allezeit verloren und mit ihm auch das Reich der Schmerzfreiheit. Von Geburt an sind wir Vertriebene der Idylle, sind Wesen, denen Bitternis und Kummer ein Leben lang treue Begleiter sind. Doch nicht jeder, der erfahren hat, was Leid, was Wehleid ist, weiß das Wehleid auch zu sagen. Denn Schmerzendes bedarf nicht der Sprache, um sich kundzutun. Es hat andere Mittel des Ausdrucks und der Zeichengebung: Mimik, Blick und Geste, Wimmern, Weinen und Verstummen.

Wehtun kann der Körper an fast jeder Stelle, wehtun kann die Seele auf fast jede Art. Schmerzen sind Zufügungen, egal ob von außen oder innen, gewaltsame Eindringlinge, bedrohliche Eroberer, die uns zu Fremdlingen machen im eigenen Haus. Sie bedrängen uns mit Stechen, Schneiden, Bohren, Brennen, Reißen, Ziehen, Kneifen, Hämmern, Drücken, Pressen oder Schnüren – je nach Art, Ort und Dauer der feindlichen Attacke.

Jeder Versuch, extreme Schmerzen zu benennen, greift nach Vokabeln, die aus dem Wörterbuch der Folter stammen könnten. Doch nicht der Schmerz selbst ist es, der sich auf diese Weise ausdrückt. Es ist nur die Beschreibung der Empfindung, die er hervorruft. Den nackten Selbstausdruck des Schmerzes zu berichten, ist etwas anderes. In Ernst Jüngers Essay Lob der Vokale von 1934 gibt es eine Stelle, in der es darum geht:

 

Jeder bedeutende Schmerz, auf welchem Gebiete er auch empfunden werden mag, drückt sich nicht mehr durch Worte, sondern durch Laute aus. Die Stätten der Geburt und des Todes sind von solchen Lauten erfüllt. Vielleicht haben wir sie in ihrer vollen Stärke zum ersten Male wieder im Kriege vernommen, – auf den nächtlichen, von den Rufen der Verwundeten erfüllten Schlachtfeldern, auf den großen Verbandplätzen und in der Erstarrung des jähen Todesschreies, dessen Bedeutung niemand verkennt. Das Herz empfindet diese Laute anders als Worte; es wird gleichsam durch Wärme und Kälte unmittelbar berührt. Die Menschen werden sich hier sehr ähnlich; durch den großen Schmerz wird die Eigenart dessen, der ihn empfindet, zerstört. Ebenso werden die Besonderheiten der Stimme zerstört. Die Konsonanten werden verbrannt; die Laute des höchsten Schmerzes besitzen eine rein vokalische Natur.

 

Den hohen, unvergleichlichen Schmerz, den, der an das grenzt, was wir Martyrium nennen, kennen nur wenige aus eigenem Erleben. Er ist das schlechthin Äußerste, was einem Menschenwesen angetan werden kann. Das Gedächtnis der Kultur bietet uns eine Fülle von erschütternden Bildern: den geschundenen Marsyas, der verwundeten Philoktet, den gefesselten Prometheus, den von Schlangen gewürgten Laokoon, den gepeinigten Hiob, den gekreuzigten Christus, den gesteinigten Stephanus, den von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian. Die Landschaft der Martern kennt kein Maß und keine Grenzen. Denken wir an Dante, an Bosch, an Grünewald, an Francis Bacon, denken wir an Kafkas In der Strafkolonie. Oder denken wir an Rilkes letztes Gedicht, geschrieben wenige Tage vor seinem Tod. Es lautet:

 

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,

heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:

wie ich im Geiste brannte, sieh ich brenne

in dir; das Holz hat lange widerstrebt,

der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,

nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.

Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen

ein Grimm der Hölle nicht von hier.

Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg

ich auf des Leides wirren Scheiterhaufen,

so sicher nirgend Künftiges zu kaufen

um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.

Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?

Erinnerungen reiß ich nicht herein

O Leben, Leben: Draußensein.

Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.

 

 

Wenn wir lesen, was Ernst Jünger 1934 in seinem Essay Über den Schmerz geschrieben hat, dass er nämlich „zu jenen Schlüsseln gehört, mit denen man nicht nur das Innerste, sondern zugleich die Welt erschließt“, dass er „die stärkste Prüfung innerhalb einer Kette von Prüfungen ist, die man als das Leben zu bezeichnen pflegt“, dass man, „wenn man sich den Punkten nähert, an denen der Mensch sich dem Schmerz gewachsen oder überlegen zeigt, Zutritt zu den Quellen seiner Macht gewinnt und zu dem Geheimnis, das sich hinter seiner Herrschaft verbirgt“, und wenn es am Ende heißt: „Nenne mir Dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will Dir sagen, wer Du bist!“ – wenn wir das alles mit nur einer Spur von gutem Willen zum Verstehen und nicht sogleich als Zumutung, als Glorifizierung, als martialischen Aufruf zum Durchhalten, als heroische Attitüde, als mitleidlose Härte gegen sich und andere von uns weisen, dann können wir sagen, dass hier einer den Versuch gewagt hat, den Schmerz, den dunklen Bruder des Lebens, mythisch zu sehen.

Das bedeutet nicht, dass uns hier eine ausführliche Phänomenologie der Schmerzen vorgelegt würde. Schon Heidegger merkte an, dass in Jüngers Essay vom Schmerz selber gar nicht die Rede ist, sondern nur von der Begegnung mit und der Haltung zu ihm. Freilich wusste Jünger, was Schmerz ist, er und seine Generation hatten ihn zur Genüge erfahren. Ernst Jünger war Soldat. Seine Schriftstellerlaufbahn begann 1920 mit einem Tagebuch aus dem ersten Weltkrieg. Der Titel lautete: In Stahlgewittern. In diesem Krieg haben zehn Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben verloren, auf deutscher Seite fielen fast zwei Millionen bewaffnete Kämpfer, und über vier Millionen wurden verwundet. Jünger selbst erlitt sieben mehr oder minder schwere Verletzungen, an Unterschenkel, Oberschenkel, Hand, Kopf, Brust und Lunge, durch Granatsplitter, Schrapnellkugeln, Gewehrgeschosse. Detaillierte Beschreibungen von Schmerzen, eigenen und fremden, hat er auch in den Stahlgewittern nicht gegeben. Es finden sich jedoch Schilderungen, die an sie denken lassen. Nehmen wir nur das Kapitel „Die große Schlacht“, in dem der Erzähler einen Granateinschlag beschreibt:

 

Da pfiff es wieder hoch in der Luft. Jeder hatte das zusammenschnürende Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer Krach – die Granate war mitten zwischen uns geschlagen.

Halb betäubt richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlten in Brand geschossene Maschinengewehrgurte ein grelles rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich ein Haufen schwarzer Körper wälzte, und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Weh- und Hilfegeschrei. Die wälzende Bewegung der dunklen Masse in der Tiefe des rauchenden und glühenden Kessels riß wie ein höllisches Traumbild für eine Sekunde den äußersten Abgrund des Schreckens auf.

 

Doch nicht nur die Front – die Schützengräben, die Trichter, das freie Feld, die brennenden Städte – ist ein Ort des Todes und der Schmerzen, auch die Lazarette:

 

Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und beherbergte über vierhundert Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal verdichtete sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerks. Hier wurde ein Glied abgeteilt, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern geschäftig mit Instrumenten oder Verbandszeug von einem Tisch zum anderen eilten.

 

Und noch eine Stelle, sie bezieht sich auf einen anderen Lazarettaufenthalt:

 

Obwohl die Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts fieberhaft beschäftigt waren, wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne dass die Schädeldecke durchbrochen war. Viel schmerzhafter als die Verwundungen, die ich nur als dumpfe Schläge empfunden hatte, war übrigens die Behandlung, der mich ein Lazarettgehilfe unterzog, nachdem der Arzt mit seiner Sonde in spielerischer Eleganz durch die beiden Schußkanäle gefahren war. Diese Behandlung bestand in einer kräftigen Rasur der Wundränder am Kopfe, ohne Seife und mit einem stumpfen Messer ausgeführt.

 

Der Passus erinnert an Montaigne, der einmal sagte, wir würden einen Schnitt von dem Messer eines Wundarztes stärker empfinden als zehn Hiebe mit dem Degen in der Hitze des Gefechts.

Jeder Beruf hat seine eigene Betrachtungsweise der Welt. Beim Arzt wie beim Soldaten gehören Schmerz und Tod zur Profession. Soldat sein in Kriegszeiten bedeutet, Verwundung und Sterben von beiden Seiten zu erfahren. Man läuft nicht nur Gefahr, Verletzung und Tod zu erleiden, sondern ist auch gezwungen, sie über andere zu bringen. Man erlebt nicht nur die eigne Schmerz- und Todesangst und die der Kameraden, sondern auch die des Gegners.

 

In der von Viktor von Weizsäcker begründeten Schule der Medizin gehört die Schmerzkunde von Anfang an zum Grundbestand. Als der nachmals berühmte Gelehrte 1927 in der legendären Zeitschrift „Die Kreatur“ seine aus drei Teilen bestehenden Stücke einer medizinischen Anthropologie veröffentlichte, lautete das mittlere Kapitel „Die Schmerzen“. Das Klassische, geradezu Zeitlose an diesem Essay besteht darin, dass der Autor in allem, was er zur Sprache bringt – das Wesen der Krankheit, die Not des Patienten, die Berufspflichten des Arztes -, einen elementaren, gleichsam anfänglichen Zugang zu den Phänomenen findet. Man hat beim Lesen das Gefühl, hier werden Einsichten geäußert, die gar nicht veralten können.

Nehmen wir nur die Art und Weise, wie der Autor das Thema eröffnet. Er entwirft eine Situation, die er „Urszene“ nennt. Der Leser wird Zeuge eines Geschehens. Die Wahrheit, die er erkennen und anerkennen soll, wird nicht mit Argumenten vorgetragen, sondern ursprünglich gezeigt. Wahrheit ist hier kein Gedanke, keine Aussage, sondern eine aus Leiden und Tun zusammengesetzte Tat zweier Menschen.

 

U r s z e n e

Wenn die kleine Schwester den kleinen Bruder in Schmerzen sieht, so findet sie vor allem Wissen einen Weg: schmeichelnd findet den Weg ihre Hand, streichelnd will sie ihn dort berühren, wo ihm weh tut.

So wird die kleine Samariterin zum ersten Arzt. Ein Vorwissen um eine Urwirkung waltet unbewusst in ihr; es leitet ihren Drang zur Hand und führt die Hand zur wirkenden Berührung: Denn dies ist es, was der kleine Bruder erfahren wird: die Hand tut ihm wohl. Zwischen ihn und seinen Schmerz tritt die Empfindung des Berührt-werdens von schwesterlicher Hand, und der Schmerz zieht sich vor dieser neuen Empfindung zurück. Und so entsteht auch der erste Begriff des Arztes, die erste Technik der Therapie.

Eigentlich steckt hier das Arztsein ganz in der kleinen Hand, das Kranksein ganz in dem schmerzenden Glied, und das wird immer so bleiben; auch wenn die Hand größer wird und sich mit Instrumenten bewaffnen oder ihre Kraft ausleihen wird an heilsame Gifte oder den sprechenden Mund, immer bleibt sie, diese zum Tasten und Greifen, zum Schmiegen und Kühlen gleich Geschickteste ein Wesen auch des späteren ärztlichen Tuns. Und auch dem kleinen Patienten wird später nie etwas anderes widerfahren: immer wird sein Schmerz darin bestehen, dass ihm etwas weh tut, das der ärztliche Helfer wegtun soll. Auch wo der Schmerz hinunterreicht bis in sein innerstes Herz, immer wird seine Krankheit eigentlich etwas an ihm sein, nicht ganz und gar er selbst. Nicht der Kopf, sondern die Hand macht den Arzt, nicht mein Schmerz, sondern etwas, das schmerzt, macht meine Krankheit.

 

Viktor von Weizsäcker war Arzt von Beruf, Psychosomatiker mit klinischer Erfahrung. Seine Perspektive auf Schmerz und Schmerzen war zeitlebens die des Helfenden und Heilenden. Man könne im Anblick des Schmerzes, sagt er, „nicht bewegungslos bleiben, man muß sich entweder ihm zuwenden oder sich von ihm abwenden. Das ist eigentlich der Sinn der Berufswahl zum Arzt, daß man sich dem Schmerz zuwendet.“

Die Zuwendung, von der die Rede ist, ist eine Tat und eine „Taterfahrung“. Vorausgesetzt wird nicht, dass man begreifen muß, was Schmerz im allgemeinen sei, es reicht aus, zu sehen, dass er gegeben ist, dass Menschen in Not Hilfe brauchen. Um aber zu verstehen, was er überhaupt ist, worin sein Wesen besteht und seine Bedeutung liegt, bedarf es der „Geisterfahrung des Schmerzes“.

 

Geisterfahrung des Schmerzes – so könnte man auch Jüngers Methode nennen, der Wahrheit seines Gegenstandes auf die Spur zu kommen. Er kannte übrigens Weizsäckers Essay über die Schmerzen. In der ersten Fassung des Abenteuerlichen Herzens, erschienen 1929, finden sich die Sätze:

 

Der Schrift eines Freiherrn von Weizsäcker, die ich in diesen Tagen las, einer kleinen Oase übrigens, entnehme ich, daß man heute innerhalb der Medizin die alte Frage nicht mehr als ganz absurd betrachtet, ob in der Krankheit ein Schuldverhältnis zum Ausdruck kommt. Unter diesem Gesichtswinkel würde dem Schmerz die Rolle eines körperlichen Gewissens zufallen und in seiner künstlichen Betäubung das Ausweichen vor einer Verantwortung zu erblicken sein. Ohne Zweifel besitzt der Gedanke etwa an eine Geburt, die in der Narkose geschieht, etwas sehr Beunruhigendes.

 

 

Damit ist gleich ein heikler Punkt berührt. Es ist ja klar, wer krank ist, hat nur einen Wunsch: gesund zu werden, wer Schmerzen hat, nur einen Wunsch: sie los zu sein. Doch Schmerzen zu haben, heißt nicht immer, krank zu sein. Und Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Viktor von Weizsäcker hat eine wichtige Unterscheidung getroffen, nämlich die zwischen „Zerstörungsschmerz“ und „Werdeschmerz“. Zur Schmerzkundigkeit gehört es, zu sagen, „an welcher Kittlinie der Lebensordnung er auftaucht“:

 

Dem Sitz des Schmerzes in der Lebensordnung müssen wir also nachspüren oder: am Ariadnefaden der Schmerzen ist ein Gefüge der Lebensordnungen aufzuspüren, derer nämlich, welche eine fleischgewordene Wahrheit, die Fleischwerdung einer Wahrheit anzeigen, nämlich einer Lebenswirklichkeit; denn ein Schmerz kann nur dort auftauchen, wo eine echte Zugehörigkeit bedroht, ein echtes Zeugungsopfer gespendet wird. So wird die Wahrnehmung des Schmerzes verwandelt in eine Kritik der Wirklichkeit, in ein Instrument der Scheidung von echt und unecht in den Erscheinungen des Lebendigen.

Da ist die Trennung von mir und meinem Zahn, von meinem Finger und meiner Hand, die Trennung zwischen mir und meinem Kind, zwischen einem König und seinem Volk, Trennung von meiner Jugend, von Haus und Hof, von Gewohnheit, von Glauben, die Trennung von Gott. Wo diese Trennungen schmerzen, da waren die Bindungen echt und Fleisch geworden. Und dort, wo ein Mensch Schmerzen leiden kann, dort ist er wirklich da, dort hat er – wissend darum oder nicht wissend – auch geliebt. So öffnet sich ein Blick ins Weltgefüge: wo Seiendes schmerzfähig ist, da ist es wirklich gefügt, nicht nur ein mechanisches und räumliches Nebeneinander, sondern ein wirkliches, d.h. lebendiges Miteinander.

 

Das Leben, sagt Weizsäcker, sei gegliedert in seine Schmerzhaftigkeit, hänge mit den Gelenken einer Schmerzordnung in sich zusammen. Und in dieser Ordnung gebe es einen Zerstörungsschmerz, aber auch einen Werdeschmerz. Vom Grad des Wehtuns her unterscheiden sie sich nicht. Zur Entscheidung aber rufen beide auf, denn jeder Schmerz ist ein Appell und eine Krise. Die Frage, die Arzt und Patient zu entscheiden haben, ist immer dieselbe: den Schmerz bejahen oder verneinen, aushalten oder betäuben, stark sein oder schwach sein gegen ihn.

Wir leben heute in einer Zeit, die der polnische Philosoph Leszek Kołakowski einmal als „Kultur der Analgetika“ bezeichnet hat. Ihr oberster Wert ist die Schmerzfreiheit. Zugrunde liegt ihr die völlige Abkehr vom Glauben an den Wert des Leidens. Überall wo Schmerz oder Schmerzangst im Spiel sind, tendieren wir zum Rückzug, und wo wir einer Begegnung nicht ausweichen können, zur Einnahme von Linderungsmitteln. Schmerz gehört, egal wo, wann und warum er auftaucht, zur Schadensseite des Lebens. Und Schaden gilt es abzuwenden. Das bezieht inzwischen auch das Zur-Welt-Kommen des Menschen ein. Dabei ist es hier eindeutig, dass die Geburtswehen der Mutter und die Schreie des Neugeborenen kein Schmerz der Zerstörung, sondern Schmerzen des Werdens sind. Alfred Prinz Auersperg, ein Schüler Viktor von Weizsäckers, sprach einmal unter Verweis auf Forschungen der Kinderpsychologin Käthe Wolf vom Schrecken des Unbehagens und der Angst als dem ersten Weltbezug des Säuglings. Sobald die Mutter, die ihm Person und Welt zugleich bedeutet, auch nur für Momente nicht zugegen ist, fremdelt das Kind. Fast könnte man sagen: Es ist wie bei Heideggers berühmter „Hineingehaltenheit in das Nichts“. Daher weint und schreit das Kind. Nach und nach erst lernt es, diese Fremdheit zu überwinden und damit den Schmerz und das Unglück, in einer nicht von der Mutter her gegründeten, geordneten und behüteten Welt zu sein.

Weizsäcker spricht von der „Doppelordnung des Schmerzgefüges“ und von der „Doppelordnung der ärztlichen Handlung“. Den Zerstörungsschmerz müsse der Arzt lindern, den Werdeschmerz aber bestehen lassen.

 

Jünger macht diesen Unterschied nicht. Er nimmt gar keine Spezifizierung vor. Für einen, der die mythische Dimension des Schmerzes im Auge hat, ist das auch nicht nötig. Schmerz ist für ihn kein Zufall, dem man ausweichen oder entrinnen kann, Schmerz gleicht „dem Schatten des Lebens, dem man sich durch keinen Vertrag entziehen kann“. Freilich neige der Mensch dazu, die Unausweichlichkeit des Schmerzes in Zeiten der Sicherheit zu vergessen. Wir würden uns jedoch sofort mit großer Schärfe daran erinnern, wenn die elementare Zone sichtbar wird, die Zone der Bedrohungen und Gefahren, in die wir unentrinnbar eingebettet seien. Gemeint sind Kriege, Bürgerkriege, Straßengewalt, Epidemien, Hunger, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Terroranschläge, Massenpanik. Gemeint ist aber auch der Naturgrund des Menschen selbst, das archaische Fundament der Anthropologie, Grausamkeit inbegriffen. Wir können, so Jünger, diese Zone durch keinerlei optische Täuschung verschwinden machen. „Wir schmausen und lustwandeln jedoch zuweilen auf ihrer Oberfläche wie Sindbad der Seefahrer mit seinen Gefährten auf dem Rücken des ungeheuren Fisches, den er für eine Insel hielt.“ Und an anderer Stelle heißt es mit einem nicht weniger eindringlichen Bild:

 

Wir befinden uns in dem Zustande von Wanderern, die lange Zeit über einen gefrorenen See marschierten, dessen Spiegel sich bei veränderter Temperatur in große Schollen aufzulösen beginnt. Die Oberfläche der allgemeinen Begriffe beginnt brüchig zu werden, und die Tiefe des Elementes, das immer vorhanden war, schimmert dunkel durch die Risse und Fugen hindurch.

 

In solchen Sätzen, geschrieben 1934, stecken nicht nur historische Reminiszenzen, sie sind auch voller geschichtlicher Vorahnungen. Und zugleich berühren sie etwas Zeitloses. Als hätte Nietzsches Gedanke von der ewigen Wiederkehr des Gleichen nichts von seiner Verweiskraft eingebüßt. Den inneren Sinn aller Überlegungen Jüngers zum Schmerz könnte man in die Formel fassen: „Sei vorbereitet!“ Damit ist nicht das Auffüllen der Hausapotheke gemeint, gemeint sind geistige Rüstungen. Eine davon bezieht sich auf das, was er das Gesetz des Schmerzes nennt:

 

Kein Anspruch ist jedoch gewisser als der, den der Schmerz an das Leben besitzt. Wo an Schmerz gespart wird, stellt sich das Gleichgewicht nach den Gesetzen einer ganz bestimmten Ökonomie wieder her, und man kann unter Abwandlung eines bekannten Wortes von einer „List des Schmerzes“ sprechen, die ihr Ziel auf allen Wegen erreicht. Wenn man daher den Zustand eines breiten Behagens vor Augen sieht, darf man ohne weiteres fragen, wo die Last getragen wird. Man wird in der Regel nicht weit zu gehen haben, um den Schmerz aufzuspüren, und so finden wir auch hier selbst den Einzelnen mitten im Genusse der Sicherheit nicht völlig von ihm befreit. Die künstliche Abschnürung von den Elementarkräften vermag zwar die großen Berührungen zu verhindern und die Schlagschatten zu bannen, nicht aber das zerstreute Licht, mit dem der Schmerz dafür den Raum zu erfüllen beginnt. […] Die Natur dieser Sicherheit beruht also darin, daß der Schmerz zugunsten eines durchschnittlichen Behagens nach den Rändern abgeschoben wird. Neben dieser räumlichen Ökonomie gibt es aber noch eine zeitliche, die darin besteht, daß die Summe des nicht in Anspruch genommenen Schmerzes sich zu einem unsichtbaren Kapital anhäuft, das sich um Zins und Zinseszins vermehrt. Mit jeder künstlichen Erhöhung des Dammes, der den Menschen von den Elementarkräften trennt, nimmt das Ausmaß der Bedrohung zu.

 

 

Der Passus zeigt, dass dem Autor so etwas wie eine Metaphysik des Schmerzes vorschwebt. Jüngers Feststellungen erscheinen keineswegs sinnlos, vielmehr hellsichtig, sogar tiefsinnig, beweisen allerdings lassen sie sich nicht. So ist es mit bestimmten Wahrheiten. Sie leben von der Intuition, von gleichsam mystischer Grübelei. Man versucht erst gar nicht, sie zu begründen, es wäre auch aussichtslos. „Beweise ermüden die Wahrheit“, lautet ein berühmter Satz. Er stammt nicht zufällig von einem Künstler, nämlich von George Braque, Jünger hat ihn 1943 in Paris kennengelernt. Braque wusste: Mit der Kunst und in der Kunst kann man nichts beweisen. Man legt Gedanken nahe, Gedanken, die sich im Werk bewähren oder nicht bewähren.

Der Gedanke, den uns Ernst Jünger nahelegt, ist der einer transzendenten Schmerzgerechtigkeit. Sie wird auf einer Waage austariert, auf deren Schalen auch die Toten liegen. Für Jünger war der Tod, besonders der Soldatentod, unausweichlich mit einer sinnbezogenen, ja sinnverleihenden Deutung verbunden. Und die suchte er auch dann, wenn es sich, wie im ersten Weltkrieg, um ein Gemetzel handelte, das aller Sinngebung Hohn sprach. Todesverstehen war seine Art, den Gefallenen Ehre zu erweisen. In seinem Essay Der Kampf als inneres Erlebnis, geschrieben 1922, heißt es:

 

Der Tod für eine Überzeugung ist das höchste Vollbringen. Er ist Bekenntnis, Tat, Erfüllung, Glaube, Liebe, Hoffnung und Ziel; er ist auf dieser unvollkommenen Welt ein Vollkommenes und die Vollendung schlechthin. Dabei ist die Sache nichts und die Überzeugung alles. Mag einer sterben, in einen zweifellosen Irrtum verbohrt; er hat sein Größtes geleistet.

 

Gerhard Nebel, einer der klügsten, temperamentvollsten Interpreten Jüngers, hat dessen Metaphysik des Todes am tiefgründigsten ausgeleuchtet. Jünger hätte gewusst, dass in den Feuerwirbeln der modernen Schlachten sich die traditionellen Sinngebungen des Krieges und des Soldatentodes nicht halten ließen. Diese Leidensorkane zerknickten die Reden von Vaterland, Ehre und Pflichterfüllung. Jünger frage nach einem Sinn, der ein solches Leiden, eine solche Schlächterei rechtfertige. Welcher Sinn ermächtigt mich, Menschen zu töten, welcher Sinn gibt mir die Kraft, in der tausendfachen Gefahr zu bestehen. Auch die Toten stachelten dieses Fragen an. Um ihretwillen könne Jünger sich nicht damit abfinden, den Krieg für einen unsinnigen, zufälligen, der Dummheit oder Gemeinheit weniger Täter entsprungenen Prozess zu halten. Als Sinn des Krieges – Jünger urteilte ja aus der Perspektive eines Besiegten – werde ein Begleichen der Schulden früherer Generationen vermutet, und in den Leiden der in den Krieg hineingezogenen Menschen würden Bußen gesehen für vergangene Irrtümer. Der theologische Charakter dieses Griffes, so Nebel, sei nicht zu verkennen. Jedes irdische Leiden schließe einen transzendenten Gewinn ein, und in jedem Schmerz würden Verdienste gesammelt, die dem Betroffenen, aber auch anderen, seinen Nächsten, seinen Nachkommen, den Menschen überhaupt zugute kämen. Nebel schreibt:

 

Auf diese Weise wird Jüngers Totenverehrung konkret. Die Transzendenz erscheint dann als eine Waage, die von der Erde, vom lebenden Menschen aus beeinflusst werden kann. Jede Qual, jeder Akt der Selbstverleugnung, jedes Opfer erleichtert die Schale des Unheils und fügt der Schale des Heils ein Verdienst zu. Was in einer Zeit an Fülle, Glück, Schöpfertum und Sein möglich ist, das wird ihr von den Toten gespendet, von den Toten überhaupt, da ja jedem Sterben Verdienst zukommt, und von denjenigen Toten im besonderen, die, ohne zum Sterben gezwungen zu sein, sich frei geopfert haben. Der Opfertod ist eine Entlastung, und wenn wir überhaupt noch festliche Augenblicke kennen, so verdanken wir das den Abgeschiedenen und ihren Schmerzen. Wir werden einmal vom Leid und sodann vom freiwillig übernommenen Leid unserer Väter gehalten, und ferner leiden wir, weil unsere Ahnen sich in unzulässiger Weise dem Schmerz entzogen.

 

Auch Viktor von Weizsäcker war ein Grübler. Ein Grübler der Deutung und ein Grübler des Verstehens. Zeitlebens hatte er eine Schwäche für metaphysisches Fragen und Antworten. Der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion kümmerte ihn nicht, er ging sogar soweit zu sagen, eine seiner natürlichen Anlagen sei Verständnislosigkeit für diesen Streit, und nicht nur für diesen, sondern für Streit überhaupt. In einem 1927 gehaltenen Vortrag Über medizinische Anthropologie sprach er vom „metaphysischen Ort des Arztes“, davon, dass sich der im Kranken reelle Krankheitsprozess in ihn, den Arzt, existentiell hinein verlängere:

 

So ist selbst die theoretische Pathologie, die diagnostische und therapeutische Reflexion nichts anderes als eben eine bloß gedachte Wiederholung und Ausbreitung des krankhaften Geschehens in ihm. Dies, dass er denkt, was im anderen ist, bedingt ja seine metaphysische Minorität, die Schwäche seiner Position, die Ungerechtigkeit, besser Ungleichgerechtigkeit der beiden Schicksale.

 

Der Stolz des Kranken sei, dass er den Existenzkampf auf einer metaphysisch höheren Ebene kämpfe und erledige als jeder Gesunde. Er sei in diesem Sinne, weil er Schwereres besiege, dann auch ein größerer Sieger.

Wenn Weizsäcker von der „metaphysischen Ehrfurcht vor dem Kranken“ spricht und bekennt, sie müsse eine der ersten, vornehmsten Qualitäten des Arztes, seine stärkste Schwäche sein, dann sollte sie auch den Schmerz mit einbegreifen. Er ist und bleibt ja eines der großen Rätsel dieser Welt. Und Ehrfurcht gibt es nur an Stätten, wo ein Geheimnis ist. „Wohin also wirken die Schmerzen?“ fragt Viktor von Weizsäcker:

 

Zum ersten dahin, daß ich durch den Schmerz erst erfahren kann, was mein ist und was ich alles habe. Daß meine Zehe, mein Fuß, mein Schenkel und von der Erde, auf der ich stehe, bis herauf zu meinem Kopfhaar alles mir gehört, erfahre ich durch Schmerzen und durch Schmerzen erfahre ich auch, daß ein Knochen, eine Lunge, ein Herz und ein Mark da sind, wo sie sind, und jedes von allen diesen führt seine eigene Schmerzsprache, spricht seinen eigenen „Organdialekt“. Daß ich sie alle habe, kann ich freilich auch sonst bemerkt haben, aber der Schmerz lehrt mich allein, wie teuer sie mir sind; den Preis und Wert von jedem einzelnen für mich erfahre ich allein durch Schmerzen, und dieses Gesetz der Schmerzen durchherrscht in gleicher Weise den Preis der Welt und ihrer Dinge für mich.

 

 

Der Schmerz als Lehrmeister des Lebens! Wer Schmerzen wie ein nihilistischer Aufklärer betrachtet, als sinnlos, als moralischen Skandal, als Irrtum der Natur, der wird verlangen, ihn völlig aus der Welt zu schaffen. Doch wer dies versucht, wird Schiffbruch erleiden, wie alle Utopisten, die an Verwirklichungen arbeiten, die dem Gesetz des Lebens widersprechen. Denn Schmerz gehört zum Leben, zu seinem Anfang und zu seinem Ende. Und für die meisten auch zu seinem Verlauf.

Das alles bedeutet nicht, dass man ihn im Einzelfall nicht beseitigen, nicht mildern sollte. Und Einzelfall meint hier fast jeden Fall. Die moderne Medizin hat auf dem Gebiet der Schmerzvermeidung und Schmerzbehandlung große Fortschritte gemacht, für die wir alle dankbar sind. Das beginnt beim Zahnarzt und endet auf der Palliativstation. Anästhesie ist ein Segen. Analgetika sind eine Gnade. Aspirin und Morphium, niemand will sie missen. Natürlich gibt es Medikamentenmissbrauch. Es gibt auch Toxifizierung. Dennoch gilt: Ohne Schmerzmittel wäre ärztliche Behandlung ein barbarisches Handwerk. All das jedoch enthebt uns nicht dessen, was Weizsäcker als „Schmerzarbeit“ und als „Bewältigung der Schmerzarbeit“ bezeichnet. Was er hier zur Sprache bringt, gehört zum Tiefsten, was je über Fragen des inneren Sinns von Schmerz und Krankheit gesagt worden ist. Vor allem dort, wo der Autor mit Blick auf den Patienten von der „Erfahrung der Seelenerforschung“ spricht und von den Tatsachen, die sich hier zeigen. Insbesondere „die Tatsache, dass Schuldbewusstsein so oft ein Schatten des Krankheitsbewusstseins ist“:

 

Bewusstseinspsychologisch ist der Zusammenhang konstatierbar; aber diese bloße Konstatierung der Schuld ohne schuldhafte Tat ist eigentlich Konstatierung von etwas Unverständlichem und vor der Vernunft Sinnlosem; sie gilt dem Psychologen als sinnlos, dem Psychiater als pathologisch. Der „Kranke“ ist für ihn dann nicht bloß krank, weil er Schmerzen hat, sondern überdies weil sie zu „krankhaftem“ Schuldgefühl ohne Realschuld „führten“. Aber diese Darstellung ist vom Kranken aus gesehen eine Deutung, ja sogar eine Umdeutung. Er macht sich die Auffassung vielleicht, wenn er kann, zu eigen, dass das Schulderlebnis nur krankhaft sei. Aber ursprünglich ist diese Deutung falsch, er hatte und wusste für sich Schuld, er „empfand“ nicht nur Schuld. Wirkliche Schuld haftet an seiner Person selbst, nicht an Gefühlen der Person, die nicht sie selbst, sondern etwas von ihr wären.

Hier wird nun sehr deutlich, wie wir hoffen, dass die Erzählung eines solchen Kranken, „ich habe Schuld und werde durch Schmerzen bestraft“, wahrer ist, als die objektive Konstatierung: „er fühlt Schuld und urteilt, sie werde durch Schmerzen bestraft“; die Konstatierung deutet die Erzählung um vom Standpunkt eines anderen, als „normal“ bezeichneten Menschen aus. Die Erzählung des Kranken kann der Psychologe einen Wahn nennen; er ist dann ein naher Verwandter des Mythos. Aber der Mythos hat die Besonderheit, als Erzählung wahrer zu sein als die Psychologie, wenn er statt von dem normalen Anderen von dem leidenden Selbst ausgeht. Von diesem selbst aus ist der „Mythos“ die Wahrheit, die Darstellung der Psychologie ist falsch.

 

Hier kann man sehen, wie selten unser Urteilen und Denken mit der eigenen Seelentiefe verbunden ist und wie erst im Schmerz und in der Krankheit sich die Verbindung herstellt. Wenn aber einmal die Seelenwände durchsichtig geworden sind, dann werden Einblicke ermöglicht, die weit über die Grenzen des normalen Wissens von uns selbst hinausgehen. So ist der Schmerz nicht nur ein Lehrmeister des Lebens, sondern auch ein Medium des tieferen Erkennens.

Im Schmerz beginnen wir an uns zu zweifeln, der starke Schmerz stellt unsre Existenz in Frage. Durch ihn wird nicht nur zum Problem, was das Gewissen als geheime Last bedrückt. Denn „was hier von der Schuld gesagt ist“, so Weizsäcker, „könnte in verwandter Weise von der Angst, der Sorge, der Not, der Melancholie gesagt werden.“ All das sind Leidensformen. In diesem Leiden werde unser Kreatursein sichtbar, nämlich dass „etwas an und in uns ist, was nicht sein soll, was einer gebotenen Ordnung widerstrebt“. Das aber ist nicht das Leiden selbst, sondern etwas, das uns im Leiden erst erkennbar wird. Viktor von Weizsäcker sagt:

 

Im Schmerz ist aber das enthalten, dass etwas nicht sein soll, was doch ist, und dieser Widerspruch von Sollen und Dasein ist die eigentliche Wirklichkeit des Menschen als Kreatur. Der Mensch als Kreatur hat nicht nur die kalte Existenz, sondern sein Dasein ist immer ein So-sein-Sollen: dies ist der richtige ontologische Begriff vom Menschen und seiner Wirklichkeit. Seine Ontologie ist daher eigentlich nicht eine Lehre vom Sein, sondern eine Lehre von Geboten.

 

 

So mündet das Nachdenken des großen Arztes, des großen Mediziners, der von sich sagte, er habe „eine alte, familienhafte, unausrottbare Leidenschaft für die Theologie“, in eine Lehre von der Schöpfung und der Geschöpflichkeit. Der Mensch wird als erschaffenes Wesen, er wird von seinem Werden her und auf sein Werden hin verstanden. Auf diese Weise eröffnen sich Räume des Denkens und des Fühlens, der Erfahrung und Selbsterfahrung, die mit Begriffen und Methoden einer technisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin nicht beschritten, geschweige denn verstanden werden können. Es geht aber um das Verstehen. Und verstehen heißt am Ende den Sinn von etwas verstehen. Sinn aber ist immer verhüllt, immer verborgen. Er muss gesucht, er darf gedeutet werden. Weizsäcker schrieb 1927 in der „Krankengeschichte“, dem dritten Stück der medizinischen Anthropologie: „Der ‚Sinn der Krankheit’ ist nur vom Kranken aus realisierbar, vom Arzt aus darf er nicht gefordert werden. Dem Kranken darf dieser Sinn nur ein Heil, dem Arzte nur eine Not sein.“

Besser kann man es nicht sagen. Wer Schmerz von vornherein und generell für sinnlos hält, wer nicht versteht, wer nicht verstehen will, dass er auch Wissenswerdung, Wahrheitsweg, Charakterbildung ist, wird Leid nicht mildern, sondern Leid vermehren. Heilung ist mehr als Genesung. Leidensflucht und Schmerzvermeidung absolut gedacht und radikal betrieben, muss in Todessehnsucht enden. Denn nur im Tode sind wir gegen Pein gefeit.

 

 

 

Quelle:

Sebastian Kleinschmidt, Schmerz als Erlebnis und Erfahrung. Deutungen bei Ernst Jünger und Viktor von Weizsäcker. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2016