Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V. | Interview mit Vittorio Klostermann zur neuen „Jünger-Debatte“
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Interview mit Vittorio Klostermann zur neuen „Jünger-Debatte“

Fragen an Vittorio Klostermann, Verleger

Was verbindet Ihren Verlag mit den Brüdern Jünger? Können Sie uns einen kurzen historischen Abriss geben?

Die Verbindung zu den Brüdern Jünger (und einigen anderen Autoren des Verlags) wäre nicht ohne die Offenheit und Neugier meiner Mutter zustandegekommen. Sie und mein kaum zwei Jahre alter Bruder Michael waren von meinem Vater kurz nach Kriegsbeginn nach Überlingen geschickt worden. Er wollte sie vor den Gefahren des Krieges in Frankfurt in Sicherheit bringen. In Überlingen wohnte ein Autor des Verlags, der Kunsthistoriker Theodor Hetzer. Hetzer bot an, meine Mutter und meinen Bruder während der Zeit der Wohnungssuche zu beherbergen.

In Überlingen gab es eine interessante Buchhändler-Persönlichkeit, Paul Metzger, der alle „Geister des Bodensees“ ― so meine Mutter ― um sich versammelte. Ihn fragte sie, ob er ihr nicht eine Beschäftigung geben könne. Das war eine Frage zum richtigen Zeitpunkt, denn seine Buchhaltung bedurfte dringend einer ordnenden Hand. Dort lernte meine Mutter Anna Weickhardt und deren Schwester Zita kennen, und es dauerte nicht lange, da waren die drei jungen und lebenslustigen Frauen engste Freundinnen. Die Schwestern wohnten in ihrem geräumigen Elternhaus mit dem verwunschenen Garten in der Seepromenade 5. Zita heiratete Friedrich Georg Jünger, und der zog in das Haus der Schwestern ein. Und da meine Mutter die Schwestern oft sah, kam es, dass auch Friedrich Georg und mein Vater sich eines Tages begegneten. Sie sahen sich ab April 1942 beinahe monatlich am Bodensee, in Frankfurt, in Freiburg und wurden engste Freunde. Sie wanderten zusammen in den Vogesen, den Ardennen, der Eifel, dem Bayerischen Wald, in der Schweiz und pflegten einen regen Briefwechsel. Friedrich Georg übernahm 1950 die Patenschaft für meine Zwillingsschwester Petra.

Durch die Vermittlung meines Vaters trafen sich im Oktober 1942 Friedrich Georg Jünger und Martin Heidegger zum ersten Mal: Heidegger kam mit seinem Bruder Fritz von Meßkirch in der Seepromenade vorbei. Es wurde ein mehrstündiges Gespräch über Personalia, die Universität, Situation des Gelehrten, Techne und Technik, das Verhältnis von Mythe und Historie. Dieser ersten Begegnung sollten noch eine Reihe weiterer folgen.

Als erste verlegerische Tat druckte mein Vater Friedrich Georgs „An Doktor Schranz in Siedlingshausen. Epistel an Enner. Epistel an Zita“, als Privatdruck im Jahr 1943, also nicht für den Handel. Im selben Jahr sollte in der Hanseatischen Verlagsanstalt „Über die Perfektion der Technik“ erscheinen. Der Band wurde zwar gesetzt, konnte aber durch die Zerstörung der Druckerei nicht fertiggestellt werden; mein Vater brachte ihn unter dem Titel „Die Perfektion der Technik“ 1946 heraus, er erlebte bis 1953 mehrere Erweiterungen. Das Buch, das wohl folgenreichste und erfolgreichste Friedrich Georgs, ist heute in der achten Auflage von 2010 lieferbar.

Im Haus in der Seepromenade lernte mein Vater nach dem Krieg auch Ernst Jünger kennen. 1949 erschien „Sprache und Körperbau“, später aufgegangen im Band „Geheimnisse der Sprache“. Im Jahr 1950 veröffentlichte er „Anteile“, die Festschrift zum 60. Geburtstag Heideggers, mit Ernst Jüngers Beitrag „Über die Linie“ und Friedrich Georgs Text „Die Wildnis“.

Welche Rolle haben die Werke der Brüder Jünger in den letzten Jahrzehnten im Klostermann-Verlag gespielt?

Während Friedrich Georg Jünger meinem Vater sein Leben lang als Autor mit seinem dichterischen und essayistischen Werk treu blieb, endete die Autorschaft Ernst Jüngers für meinen Vater Anfang der 60er Jahre. Der Klett-Verlag konnte ihm eine Gesamtausgabe seiner Werke anbieten, und verständlicherweise ist Ernst Jünger dann auch mit seinen weiteren Werken dorthin gewechselt. 1970 hat Klett auch sämtliche Verlagsrechte und Buchbestände der bei uns erschienenen Titel übernommen.

Einige Werke Friedrich Georgs wurden mehrfach neu aufgelegt, zuletzt wurden sein „Nietzsche“ (mit Nachwort von Günter Figal), die „Perfektion der Technik“ (mit Nachwort von Andreas Geyer) und „Griechische Mythen“ (mit einem Anhang von Ernst A. Schmidt) in unsere Taschenbuchreihe, die „Rote Reihe“ übernommen.

Können sie etwas über die Verkaufszahlen der lieferbaren Titel sagen?

Mein Vater hat alle Werke Friedrich Georgs in großzügig bemessenen Auflagen gedruckt. Deshalb gibt es immer noch eine ganze Reihe von Titeln, die in ihren Erstauflagen lieferbar sind, so die „Gespräche“ von 1948, die Gedichtbände aus den 50er Jahren sowie „Sprache und Denken“ und „Orient und Okzident aus den 60ern. Alle diese Bücher verkaufen sich noch heute in kleiner aber regelmäßiger Stückzahl (um die zehn Exemplare pro Jahr), weshalb wir auch keine Lagerbereinigungen vornahmen. Die drei Werke mit deutlich größeren Absatzzahlen (Nietzsche, Technik, Mythen) haben wir in unsere Taschenbuchreihe aufgenommen. Die „Griechischen Mythen“ erlebten im letzten Jahrzehnt eine Renaissance; ich nehme an, dass das mit dem verstärkten Interesse an Ernst Jüngers Kriegstagebüchern zusammenhängt; die „Griechischen Götter“, die in die „Griechischen Mythen“ eingegangen sind, werden in den „Strahlungen“ mehrfach erwähnt.

Welche Jünger-Dokumente umfasst Ihr Verlagsarchiv? Gibt es da noch Unentdecktes?

Im Verlagsarchiv befinden sich keine Jünger-Dokumente mehr. Wir haben im Jahr 2001 ― zur Erinnerung an den 100. Geburtstag meines Vaters ― eine Auswahl seiner wichtigsten Korrespondenzen nach Marbach gegeben, darunter auch die mit den Brüdern Jünger.

Haben Sie selbst persönliche Erinnerungen an die Brüder Jünger? Gibt es da Anekdoten?

Um das Jahr 1955 herum ― meine Schwester und ich waren etwa fünf Jahre alt ― besuchte Ernst Jünger uns in Bad Homburg. Obwohl ich noch so klein war, ist mir diese Begegnung eine bleibende Erinnerung. Ich habe ihn noch immer vor meinem geistigen Auge, den ernsten Mann mit dem Caesarenkopf und den strahlenden Augen, in hellgrauem Anzug und (blauer?) Krawatte. Um diese Zeit wird es wohl auch gewesen sein, dass meine Eltern mit ihm einen ungewöhnlichen Tausch vornahmen: Jünger bekam die grüne NSU-Quickly meiner Mutter und wir seinen schwarzen Kater Jussuf. Dieser jedoch ergriff eines Tages, als mein Bruder vergessen hatte, seine Zimmertüre zu schließen, die Gelegenheit, öffnete die Türe des Vogelkäfigs und machte den beiden Kanarienvögeln Theo und Thea den Garaus. Er hatte jedoch das Ende nicht bedacht: mein Vater zog ihn auf eine Weise zur Rechenschaft, dass Jussuf uns verließ.

Anfang August 1994 besuchte ich zusammen mit meiner Mutter Ernst Jünger und seine Frau in Wilflingen. Meine Mutter wollte ihn, der ihr in früher Zeit persönlich so viel bedeutet hatte, noch einmal vor seinem hundertsten Geburtstag sehen. Es war ein freundliches, aber doch etwas hölzernes Zusammentreffen, es erinnerte meine Mutter an „Lotte in Weimar“. Jünger zeigte uns seine Käfersammlung und den Garten. Bei Kuchen und Tee sprachen wir über Katzen und Schildkröten, den Besuch von Helmut Kohl und ― tagesaktuell, die Reise Roman Herzogs nach Warschau. Um politische Korrektheit bemühten sich ― zu meinem Erschrecken ― weder seine Frau noch Ernst Jünger, aber was hatte ich auch erwartet!

Friedrich Georg Jünger sahen wir öfter als seinen Bruder Ernst. Er war mir sehr sympathisch, mit seiner näselnden aber doch vollen Stimme. Ich bewunderte die Ruhe, die er ausstrahlte und die intime Kenntnis aller Pflänzchen am Wegesrand. Nie sah ich meinen Vater trauriger als in jenen Tagen des Jahres 1977, an denen klar wurde, dass sein Freund seinem Krebsleiden erliegen würde. Er selbst ist nur einen Monat später an einem Schlaganfall gestorben.

Wie steht es um Ihre persönlichen Jünger-Lektüren? Lesen Sie mehr Ernst oder Friedrich Georg?

Ich habe mehr von Ernst Jünger gelesen. Vor allem fesselten mich seine Kriegstagebücher. Verblüfft war ich nach der Lektüre der „Stahlgewitter“, dass ich dort nicht die Verherrlichung des Krieges fand, die ich nach dem Ruf, der ihnen vorausging, erwartet hatte.

Von Friedrich Georg habe ich außer der „Perfektion der Technik“, einigen Aufsätzen aus dem „Widerstand“ und einer Reihe seiner Gedichte nicht viel gelesen. Ich hoffe, bald Zeit zu finden für sein erzählerisches Werk.

Was erwarten Sie vom neuen Jahrbuch „Jünger-Debatte“?

Frank Schirrmacher hat im Feuilleton der FAZ den Auseinandersetzungen mit und um Ernst Jünger großen Raum gegeben. Und auch noch in den letzten Tagen des Jahres 2016 konnte man dort eine ausführliche Besprechung von Dieter Krügers Buch „Hans Speidel und Ernst Jünger“ lesen (und Gottlob eine Richtigstellung von Helmuth Kiesel). In Leben und Werk Ernst und Friedrich Georg Jüngers spiegeln sich die intellektuellen Kämpfe des 20. Jahrhunderts. Von Ernst Jünger weiß man vieles, sein jüngerer Bruder ist in dieser Hinsicht noch zu entdecken. Die Beschäftigung mit den Brüdern Jünger und ihrer Welt lohnt; ich freue mich auf das neue Jahrbuch, das sich vorgenommen hat, jeweils ein wichtiges Thema zu beleuchten.